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Neuigkeiten
04.02.2014, 20:00 Uhr
sola scriptura - sola fide.
Zwei Anstriche zum Themenjahr „Reformation und Politik“
 
Dresden -  „Sollten nicht Staat und Kirche in unserem Land vollständig getrennt sein?“ „Warum unterstützt der Bund mit vielen Millionen ein Jubiläum, dass für die wenigsten in Ostdeutschland noch eine Bedeutung hat?“ Solche und ähnliche Fragen werden mir als Politiker oft gestellt, wenn es um die Lutherdekade geht. Und angesichts eines Drittels der Bevölkerung in Deutschland, die keiner Konfession angehören, scheinen die Fragen berechtigt.
Was verbindet also Reformation und Politik über die religionsgeschichtliche Bedeutung hinaus? Die Bundesregierung begründet ihr Engagement für die Lutherdekade wie folgt: „Die Reformation ist ein zentrales Ereignis in der Geschichte der christlich geprägten Welt. Die dadurch ausgelösten Veränderungen hatten religiöse, gesellschaftliche, politische und kulturelle Wirkungen quer über alle Kontinente zur Folge. Die Wiederkehr des 500. Jahrestages des Ausgangspunktes der Reformation im Jahre 2017 ist daher nicht allein eine in der Religion begründete Angelegenheit der Kirchen, sondern ein Ereignis von gesamtstaatlicher und international ausstrahlender Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland.“ In der Tat wirken die gesellschaftsverändernden Momente der Reformation bis ins Hier und Jetzt nach. Darum ist es für Politik wichtig, sich immer wieder und immer wieder neu mit diesem Thema zu beschäftigen.
Aus meiner Sicht stellt vor allem der die Reformation kennzeichnende Paradigmenwechsel hinsichtlich der von ihr postulierten Mündigkeit des Menschen die Grundlage neuzeitlicher Demokratie dar. Durch den reformatorischen Anspruch, der sich im „Priestertum aller Gläubigen“ manifestiert, definiert sich gesellschaftliche Teilhabe neu. Die in der Reformation errungene „Freiheit des Christenmenschen“ bedeutet, dass es keiner vermittelnden Instanz zwischen Gott und Mensch (mehr) bedarf. Ebenso wenig, wie der Einzelne forthin der Macht von Institutionen ausgeliefert ist, ebenso wenig wird ihm nunmehr die Verantwortung für eigenes Handeln abgenommen. Aus seinem Glauben heraus wird er in die Verantwortung für sich selbst, für seine Mitmenschen – gar für die ganze Welt berufen.
Hier setzt die politische Deutung des Reformationsgeschehens an, auf die wir im Themenjahr „Reformation und Politik“ in besonderer Weise hingewiesen werden. Denn nur durch diese Freiheit in Verantwortung ist in letzter Instanz das möglich, was wir in unserer Demokratie zu erreichen suchen: Politik von jedem Einzelnen für jeden Einzelnen. Auf dieser Sprachebene ist das Herausstellen der gesellschaftspolitischen Leistung der Reformation auch denjenigen verständlich, die sich selbst als konfessionslose Menschen verstehen. Auf dieser Sprachebene können auch die Kirchen versuchen, das Gespräch mit den ihnen fern Stehenden zu suchen. Denn gerade die Zweifler, die Zaudernden, die Skeptiker, die „religiös Unmusikalischen“ sind empfänglich für das Reden über Politik aus der eigenen Verantwortung heraus. Und oft entwickelt sich aus solcher Diskussion die Neugier beim Anderen, das Fragen, mit dem Glauben beginnen kann. Das „Allein aus dem Glauben“ -sola fide - kann so zum allgemein verständlichen Schlüsselbegriff für politisches Engagement von Christen werden – sei es im Eintreten für Flüchtlinge hier vor Ort oder für verfolgte Christen in der Welt, sei es in der Fürbitte oder in der tätigen Nächstenliebe eines Hilfswerkes.
Ein Zweites kommt hinzu. Für mich als Bildungspolitiker ist die Frage des allgemeinen Zugangs zu Bildung eine zentrale Herausforderung. Und hier fühle ich mich ganz
selbstverständlich hineingenommen in den Geist der Reformation. Luthers Anspruch sola scriptura bedeutet demnach nämlich nicht nur, dass allein die Heilige Schrift Maßstab sein soll, sondern zieht die Forderung nach sich, dass auch ein Jeder Zugang zu ihr erhalten muss. Es geht der Reformation auch hier um die Mündigkeit jedes einzelnen Menschen – eine Mündigkeit, die Teilhabe an Bildung notwendiger Weise voraussetzt. Bildung ist und darf kein exklusives Gut sein, das nur einigen Wenigen zur Verfügung steht. Genau dieser Anspruch ist auch Ansatz unserer Bildungspolitik. Zwar sind nach meinem Verständnis in allererster Linie die Eltern dafür verantwortlich, dass Kinder eine gute und umfassende Bildung erhalten. Aber auch der Staat steht hier in der Pflicht. Er sollte sich in besonderer Weise für die Benachteiligten und die Schwachen einsetzen und familiär bedingte Bildungsdefizite ausgleichen. Der reformatorische Anspruch „Bildung für alle“ mündet hier direkt in eine politische Programmatik, aus der heraus das „Bildungs- und Teilhabepaket“, das Projekt „Kultur macht stark – kulturelle Bildung vor Ort“ oder frühkindliche Bildungsprogramme wie „Lesestart“ vom Bund in besonderer Weise gefördert werden.
Auch den Gemeinden stellt sich die Frage der Bildung nicht nur als Kernstück reformatorischer Aussage, sondern als zentrale kirchenpolitische Herausforderung. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Debatten über den besonderen Schutz des Sonntags oder die Einführung muslimischer Feiertage in Deutschland, den Wert ungeborenen Lebens vor dem Hintergrund der Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik oder die Auseinandersetzung zur Sterbehilfe tut es aus meiner Sicht mehr denn je not, dass die Kirche sprachfähig bleibt. Und zwar so, dass sie auch außerhalb ihrer Mauern verstanden wird. Dabei ist es geboten, auf dem schmalen Grat zwischen binnenkirchlicher Expertensprache und zeitgeistgemäßer Simplizität nicht ins Straucheln zu kommen. Genau so wichtig scheint es mir, die eigene Vergewisserung bei aller kritischen Auseinandersetzung nicht mit Beliebigkeit zu tauschen, nur um den Preis der Alltagstauglichkeit kirchlicher Diskurse willen. Bildung, die den Menschen als mündiges Wesen zum Ziel hat, braucht in der Politik ebenso wie in der Kirche verlässliche Koordinaten, unverrückbare Positionierungshilfen und feste Standpunkte. Dabei geht es nicht zuletzt auch um fixe Bildungsinhalte im Sinne des allgemein Gültigen. Wenn zentrale Aussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses einer Studie des Sinus-Instituts aus dem Jahr 2013 zufolge nur noch von einem Teil der Christen als geglaubte Wahrheit akzeptiert werden, zeigt sich ein Defizit, das meinem Verständnis nach auf mangelnde Bildung zurückzuführen ist. Hier sollten die Erben der Reformation gern auch einmal auf die Ebene der Politik schauen, um die eigene bildungspolitische Strategien zu überprüfen.